
Handschriftliche Widmung führte zur früheren Eigentümerin des Buches
Hannover – (KI/redaktionell geprüft). Die Stadtbibliothek Hannover hat ein Buch aus dem Besitz der während der NS-Zeit verfolgten Else Kreuzer an ihre Enkelin Atalia Shafir zurückgegeben. Oberbürgermeister Belit Onay überreichte ihr am Donnerstag, 8. Oktober 2026, das Exemplar von Johann Gottfried von Herders „Stimmen der Völker in Liedern“. Nach Angaben der Stadt hatte sich das Buch mehr als 80 Jahre im Bibliotheksbestand befunden.
Atalia Shafir und weitere Familienangehörige waren für die Rückgabe aus Israel nach Hannover gereist. Zu ihnen gehörte auch die aus Hannover stammende Holocaust-Überlebende Gerda Steinfeld, eine Nichte von Else Kreuzer.
Widmung machte die Herkunft des Buches nachvollziehbar
Die Stadtbibliothek entdeckte das Exemplar 2024 im Rahmen ihrer Provenienzforschung. Den entscheidenden Hinweis auf die frühere Eigentümerin lieferte eine handschriftliche Widmung: Else Kreuzers älterer Halbbruder Willy Hausen hatte ihr das Buch zum Jahreswechsel 1908/09 geschenkt. Neben den Namen und dem Datum ist darin Lissa vermerkt, das heutige Leszno in Polen.
Weitere Recherchen ermöglichten es der Bibliothek, Else Kreuzers Lebens- und Verfolgungsgeschichte nachzuzeichnen und ihre Nachkommen zu finden. Dafür wurden unter anderem Geburtsurkunden und Wiedergutmachungsakten aus der Nachkriegszeit ausgewertet. Schließlich konnte die Bibliothek Kontakt zu ihrer Enkelin in Israel aufnehmen.
Familie in Wunstorf und Hannover verfolgt
Else Kreuzer wurde am 4. März 1896 als Else Goldschmidt in Lissa geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Emil Goldschmidt und seine Frau Ida. Nach der Heirat mit dem Kaufmann Bernhard Kreuzer aus Bückeburg zog sie in die Umgebung von Hannover.
Ab 1921 lebte das Ehepaar in Wunstorf und führte dort ein Textilwarengeschäft. Die beiden Söhne Hans-Joachim und Klaus wurden in Hannover geboren.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war die Familie antisemitischer Hetze und Ausgrenzung ausgesetzt. Ihr Geschäft wurde boykottiert und schließlich verkauft. Nach dem Novemberpogrom 1938 und der zeitweiligen Inhaftierung Bernhard Kreuzers im Konzentrationslager Buchenwald zog die Familie nach Hannover.
Der ältere Sohn Hans-Joachim konnte im Juni 1939 nach Palästina auswandern. Else, Bernhard und Klaus Kreuzer mussten 1941 in ein sogenanntes „Judenhaus“ an der Lützowstraße 3 ziehen. Am 15. Dezember 1941 wurden sie von Hannover in das Ghetto Riga deportiert und 1944 in das Konzentrationslager Stutthof verschleppt.
Else Kreuzer starb dort am 29. November 1944 im Alter von 48 Jahren. Auch ihr Mann Bernhard starb in Stutthof. Der dreizehnjährige Klaus wurde nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Hans-Joachim überlebte die Shoah und gründete in Israel eine Familie.
Weg in den Bibliotheksbestand bleibt ungeklärt
Wie das Buch in die Stadtbibliothek gelangte, lässt sich nach Angaben der Stadt nicht mehr genau rekonstruieren. Während der NS-Zeit ließ die Stadtverwaltung jedoch Hausrat aus zwangsgeräumten jüdischen Wohnungen in Sammellager bringen, schätzen und teilweise versteigern.
Die Stadt vermutet, dass auch Else Kreuzers Buch auf diesem Weg in ihren Besitz kam. Ein konkreter Nachweis für diesen Erwerbsweg liegt damit nicht vor.
Seit 2017 untersucht die Stadtbibliothek ihre Bestände systematisch auf NS-Raubgut. Ziel ist es, frühere Eigentümerinnen und Eigentümer beziehungsweise deren Erbinnen und Erben zu ermitteln und die Bücher zurückzugeben. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste fördert die Provenienzforschung.
Mit der Rückgabe an Atalia Shafir wurden nach Angaben der Stadt bislang insgesamt 28 Bücher an 17 Erbinnen und Erben beziehungsweise Rechtsnachfolgerinnen und Rechtsnachfolger restituiert.









