
Johanniter blicken auf fast 40 Jahre Wandel im Rettungsdienst – Technik verändert sich, der Einsatz für Menschen bleibt
Langenhagen. Zwischen den Johannitern Franco Mencaccini und Jens Owe Reese liegen 38 Jahre Altersunterschied und fast vier Jahrzehnte Berufserfahrung. Während der eine den Rettungsdienst noch mit Straßenkarten und einfacher Medizintechnik erlebte, ist der andere mit digitalen Assistenzsystemen und moderner Notfallmedizin in den Beruf gestartet. Gemeinsam zeigen sie, wie sich der Rettungsdienst verändert hat – und was bis heute unverändert geblieben ist.
Wenn Franco Mencaccini (65) und Jens Owe Reese (27) gemeinsam auf dem Rettungswagen unterwegs sind, treffen zwei Generationen des Rettungsdienstes aufeinander. Trotz unterschiedlicher Berufswege verbindet beide die Überzeugung, Menschen in Not helfen zu wollen.
Vom Straßenatlas zur digitalen Einsatztechnik
Der technische Fortschritt hat den Rettungsdienst in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Jens Owe Reese kennt den Berufsalltag ausschließlich mit moderner Medizintechnik. Geräte wie der Corpuls C3 übernehmen heute zahlreiche Aufgaben gleichzeitig: Sie schreiben EKGs, überwachen kontinuierlich die Vitalwerte und können die Daten direkt an die aufnehmende Klinik übertragen.
Franco Mencaccini erinnert sich dagegen an eine Zeit, in der Erfahrung und Orientierungssinn besonders gefragt waren. Navigationssysteme gab es damals nicht. Stattdessen gehörte eine Straßenkarte zur Standardausrüstung.
„Wenn heute ein neues Gerät kommt, lernt man eben, damit umzugehen“, sagt der 65-Jährige. Berührungsängste habe er nie gehabt. „Eigentlich wird alles besser oder leichter.“ Als er 1987 im Rettungsdienst begann, musste man sich Einsatzorte oft noch erklären lassen oder den Weg anhand einer Karte finden. Viele Straßen in Langenhagen und der Region Hannover kennt er bis heute auswendig.
Vom Ehrenamt in den Beruf
Der Weg von Franco Mencaccini führte über das Ehrenamt in den Rettungsdienst. Nach seiner Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker engagierte er sich im damaligen 16. Sanitätszug des Ortsverbandes Deister. Aus dem freiwilligen Engagement entwickelte sich schließlich eine berufliche Laufbahn bei den Johannitern.
Im Ambulanz-Flugdienst am Flughafen Hannover übernahm er früh Führungsverantwortung – zunächst als stellvertretender Wachleiter, später als Leiter der Rettungswache. Heute ist der Notfallsanitäter im Nordhannoverschen Ortsverband (NOV) unter anderem für das Qualitätsmanagement und als Desinfektor verantwortlich.
Wie lange er bereits im Rettungsdienst arbeitet, weiß er ganz genau: „Bis heute sind es 39 Jahre, zwei Monate und 20 Tage“, sagt Mencaccini. An den Ruhestand denkt er dennoch nicht. „Ich fühle mich nicht alt. Solange ich fit bin, möchte ich weiter im Rettungsdienst fahren.“
Verantwortung wächst mit der Ausbildung
Auch Jens Owe Reese fand früh Interesse an Medizin und Technik. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Nordhannoverschen Ortsverband sammelte er zunächst Erfahrungen als Rettungssanitäter und engagierte sich zusätzlich ehrenamtlich im Sanitätsdienst.
2022 begann er die Ausbildung zum Notfallsanitäter an der Rettungswache in Langenhagen und schloss diese 2025 erfolgreich ab.
„Die Ausbildung war entspannt“, erinnert sich Reese. „Nicht, weil sie einfach war. Wie ich mitbekommen habe, ist die Ausbildung fachlich viel anspruchsvoller geworden, aber wir hatten einen guten Zusammenhalt.“
Mit dem Berufsabschluss änderte sich sein Aufgabenbereich deutlich. Als Notfallsanitäter trägt er heute die Verantwortung für medizinische Entscheidungen im Einsatz. Besonders wichtig seien ihm dabei die Nachbesprechungen mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen gewesen.
„Mir haben die Nachbesprechungen damals viel geholfen. Man konnte über die Einsätze sprechen, Fragen klären und daraus lernen. Deshalb mache ich das heute auch mit den jüngeren Kolleginnen und Kollegen, die mit mir fahren.“
Einsätze, die in Erinnerung bleiben
Der Rettungsdienst bringt Situationen mit sich, die lange nachwirken. Manche Einsätze geraten mit der Zeit in Vergessenheit, andere bleiben ein Leben lang präsent.
Reese erinnert sich an einen Patienten mit Brustbeschwerden, dessen Zustand sich plötzlich dramatisch verschlechterte.
„Wir wurden ohne Blaulicht zu einem Patienten mit Brustbeschwerden alarmiert. Kurz nach unserem Eintreffen erlitt er einen Herzstillstand. Wir konnten ihn reanimieren, und er hat den Einsatz ohne bleibende Schäden überstanden.“
Nicht jeder Einsatz endet jedoch so glücklich. Besonders bewegend war für ihn die Begleitung einer schwerkranken Frau in ihrer letzten Lebensphase.
„Ich habe eine ältere Dame erlebt, die zu Hause palliativ versorgt wurde. Sie wollte keine lebensverlängernden Maßnahmen mehr, und ihre Familie hat das respektiert. Das war ein sehr ergreifender Moment.“
Auch Franco Mencaccini blickt auf zahlreiche prägende Einsätze zurück. Einer davon begleitet ihn bis heute.
„Diesen Einsatz werde ich nie vergessen“, sagt er über den ICE-Unfall von Eschede im Jahr 1998.
Teamarbeit bleibt der wichtigste Faktor
Trotz aller technischen Entwicklungen sehen beide Johanniter den eigentlichen Kern ihres Berufs unverändert.
„Es ist ein geiler Job. Kaum ein Einsatz ist wie der andere. Sie ähneln sich manchmal, aber sie sind nie gleich“, sagt Reese.
Entscheidend sei dabei immer das Vertrauen innerhalb des Teams.
„Wir müssen uns aufeinander verlassen können, denn am Ende geht es immer um die Menschen.“
Rettungsdienst im Wandel
Der Rettungsdienst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten technisch und organisatorisch stark weiterentwickelt. Moderne Diagnostik, digitale Dokumentation und neue Ausbildungsstandards erleichtern heute viele Abläufe. Gleichzeitig bleibt der Beruf körperlich und emotional anspruchsvoll – und lebt vor allem vom Engagement der Menschen, die ihn ausüben.









