Start Hannover und Region Studierende der MHH trainieren den Ernstfall: Neues Wahlfach bereitet auf Katastropheneinsätze vor

Studierende der MHH trainieren den Ernstfall: Neues Wahlfach bereitet auf Katastropheneinsätze vor

Bundeswehr-Hubschrauber NH90 landet in der MHH.
Bundeswehr-Hubschrauber NH90 landet in der MHH. - © Carl-Marcus Müller / LGHNews

Medizinische Hochschule Hannover stärkt Einsatz- und Katastrophenmedizin mit Praxisübungen und interdisziplinärer Zusammenarbeit

Hannover (pm/redk). Ein Bundeswehrhubschrauber auf dem Campus der Medizinischen Hochschule Hannover ist ein ungewohnter Anblick – und zugleich sichtbares Zeichen eines neuen Ausbildungsangebots. Mit dem Wahlfach „Einführung in die Einsatz- und Katastrophenmedizin“ bereitet die Medizinische Hochschule Hannover ihre Medizinstudierenden gezielt auf Großeinsatzlagen, Massenanfall von Verletzten und die Zusammenarbeit mit anderen Einsatzkräften vor. Das einwöchige Lehrformat richtet sich an Studierende ab dem dritten Studienjahr und wurde erstmals im März durchgeführt.

Praxisnahes Wahlfach mit realistischen Szenarien

Das neue Wahlfach wird von der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin angeboten und in Kooperation mit dem MHH-Lehrkrankenhaus Bundeswehrkrankenhaus Westerstede umgesetzt. Insgesamt nahmen 15 Medizinstudierende sowie Auszubildende als Medizinische Fachangestellte teil. Ziel ist es, die angehenden Ärztinnen und Ärzte frühzeitig mit den besonderen Herausforderungen der Einsatz- und Katastrophenmedizin vertraut zu machen.

Während das Medizinstudium klassischerweise auf die optimale Versorgung einzelner Patientinnen und Patienten ausgerichtet ist, stehen bei Großschadenslagen andere Anforderungen im Vordergrund: Ressourcenknappheit, Zeitdruck, Priorisierung und interdisziplinäre Abstimmung. Genau hier setzt das neue Wahlfach an.

Zivil-militärische Zusammenarbeit als Lernziel

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Zusammenarbeit mit externen Einsatzkräften. In Seminaren und praktischen Übungen arbeiteten die Studierenden gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Bundeswehr, der Polizei, der Feuerwehr und des Rettungsdienstes. MHH-Präsidentin Prof. Dr. Denise Hilfiker-Kleiner unterstützt diesen Ansatz ausdrücklich: „Es ist eine gute Gelegenheit für unsere Studierenden, sich auf einen möglichen Einsatz im Katastrophenfall vorzubereiten und Einblick in die zivil-militärische Zusammenarbeit zu bekommen.“

Gleichzeitig kündigte sie an, dass weitere Module zur Katastrophenmedizin sowie zur Traumaverarbeitung – unter anderem in Kooperation mit den Kliniken für Unfallchirurgie und Psychosomatik – bereits in Planung sind.

Training für den Massenanfall von Verletzten

Im Zentrum des Wahlfaches stand der sogenannte Massenanfall von Verletzten (MANV), ein Szenario, das etwa bei Naturkatastrophen, schweren Verkehrsunfällen oder Terrorlagen auftreten kann. Die Studierenden lernten, nach dem standardisierten Vorsichtungsalgorithmus PRIOR zu entscheiden, wer sofortige medizinische Hilfe benötigt und wer zurückgestellt werden kann.

Simulationen, Planspiele und der Einsatz von Virtual-Reality-Brillen mit simulierten Notfallpatientinnen und -patienten vermittelten ein realistisches Bild der Belastungssituation. Dabei ging es nicht nur um medizinische Fachkenntnisse, sondern auch um Stressresistenz, Entscheidungsfindung unter Druck und klare Kommunikation.

Hubschrauberübung auf dem Campus

Ein besonderer Höhepunkt des Wahlfachs war eine praktische Übung mit dem Mehrzweckhubschrauber NH-90 MedEvac der Bundeswehr. Der rund elf Tonnen schwere Hubschrauber landete direkt auf dem MHH-Campus und wurde für das realitätsnahe Training genutzt. Im NH-90 können bis zu sieben schwer verletzte Personen liegend transportiert und intensivmedizinisch versorgt werden. Die Studierenden trainierten das Ausladen und die Übergabe der Patientinnen und Patienten – Abläufe, die im Ernstfall reibungslos funktionieren müssen.

Reaktion auf veränderte Sicherheitslage

„Der Bedarf und die Nachfrage nach einem solchen Lehrangebot ist in jüngster Zeit durch die gesamtpolitische Lage gestiegen“, erklärt PD Dr. Hendrik Eismann, Leitender Oberarzt Notfallmedizin der Klinik für Anästhesiologie. Auch reale Ereignisse wie die Flutkatastrophe im Ahrtal oder das Zugunglück von Eschede zeigten, wie wichtig eine fundierte Vorbereitung sei.

Dr. Jan Carlo Del Terdesco, Lehrbeauftragter und Leiter des Wahlfaches, ergänzt: „Uns war es wichtig, dass die Studierenden viel Gelegenheit zum Austausch mit anderen Einsatzkräften bekommen und den Ernstfall gemeinsam mit ihnen proben können.“ Ziel sei es, das Verständnis für die eigene Rolle ebenso zu schärfen wie für die Aufgaben der anderen Beteiligten.

Ausblick für Studierende und Bevölkerungsschutz

Das Wahlfach soll künftig weiter ausgebaut und fest im Lehrangebot der MHH verankert werden. Für die Studierenden bedeutet dies eine zusätzliche Qualifikation, die nicht nur im Katastrophenfall, sondern auch im klinischen Alltag – etwa in der Zentralen Notaufnahme – von großem Nutzen ist. Gleichzeitig stärkt das Angebot langfristig den Bevölkerungsschutz in der Region Hannover.

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