
Spezialisten können Untersuchungen und Behandlungen aus der Ferne begleiten – Sieben Kinderkliniken bereits vernetzt – Ausbau auf Niedersachsen und Bremen geplant
Hannover – (KI/redaktionell geprüft). Wenn ein schwerkrankes Kind dringend intensivmedizinische Hilfe benötigt, sollen Spezialisten künftig auch dann schnell unterstützen können, wenn sie viele Kilometer entfernt sind. Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) setzt dafür auf das telemedizinische Netzwerk TelePIN. Über das System können Daten, Bilder und Videos in Echtzeit zwischen Kinderkliniken ausgetauscht und Untersuchungen sowie Behandlungen gemeinsam begleitet werden.
Hintergrund ist nach Angaben der MHH die angespannte Versorgungssituation in der Kinder- und Jugendmedizin. Insbesondere fehlendes Fachpersonal stellt Kliniken vor Probleme. TelePIN soll vorhandene Expertise deshalb standortübergreifend verfügbar machen und kleinere Kinderkliniken bei komplexen Fällen unterstützen.
Das System basiert auf dem bereits vor rund 20 Jahren gegründeten Pädiatrischen Intensiv Netzwerk (PIN). Anfang 2025 startete TelePIN in die Pilotphase. Inzwischen sind sieben Kinderkliniken in Niedersachsen in das System integriert. Die Finanzierung für die Einbindung von 15 weiteren Kinderkliniken in Niedersachsen sowie drei Kliniken in Bremen sei inzwischen gesichert. Die MHH-Kinderklinik übernimmt dabei die Funktion der zentralen Steuereinheit.
Experten werden direkt ans Patientenbett zugeschaltet
Herzstück an der MHH ist das sogenannte TelePIN-Cockpit. Der speziell eingerichtete Raum verfügt unter anderem über sieben große Bildschirme und einen mobilen Kameraroboter mit drei integrierten Kameras.
Über Live-Verbindungen können Fachleute der MHH Untersuchungen in anderen Kliniken unmittelbar verfolgen und medizinisches Personal vor Ort unterstützen. Wird beispielsweise ein Neugeborenes in einer angeschlossenen Kinderklinik untersucht, können die Experten in Hannover gleichzeitig Ultraschallbilder und Herzbewegungen sehen, Vitalwerte verfolgen und sich einen Überblick über die Situation am Patientenbett verschaffen.
Nach Angaben der MHH konnten mithilfe dieser Live-Schaltungen bereits Kinderleben gerettet werden. Die Spezialisten können aus der Ferne sowohl bei der Durchführung von Untersuchungen und Eingriffen als auch bei der Interpretation der Ergebnisse unterstützen.
Personalmangel belastet Kinderintensivmedizin
Wie angespannt die Situation ist, verdeutlichen Zahlen der MHH. Von insgesamt 29 Kinderkliniken in Niedersachsen verfügen demnach derzeit lediglich vier über eine spezielle Station für pädiatrische Intensivmedizin.
Zudem könne nur etwa die Hälfte der vorhandenen Kinderintensivbetten betrieben werden. Als Grund nennt die Hochschule den landesweiten Mangel an Pflegefachpersonal sowie Ärztinnen und Ärzten.
TelePIN soll diese strukturellen Probleme nicht vollständig ersetzen, aber zumindest teilweise abfedern. Durch die digitale Vernetzung können kleinere Standorte bei schwierigen Fällen auf die Expertise spezialisierter Zentren zurückgreifen.
Weniger Verlegungen durch digitale Zusammenarbeit
Das nach Angaben der MHH datenschutzkonforme System ist insbesondere für die Akut- und Notfallversorgung in der pädiatrischen Intensivmedizin vorgesehen. Langfristiges Ziel ist es, alle Kinderkliniken in Niedersachsen und Bremen sowie Kliniken in angrenzenden Regionen und Rettungsdienste an das Netzwerk anzuschließen.
Durch die telemedizinische Unterstützung soll es zudem möglich werden, die Zahl notwendiger Verlegungen schwerkranker Kinder in andere Kliniken zu reduzieren. Gleichzeitig können die beteiligten Einrichtungen ihr Fachwissen untereinander austauschen.
Ein Informationssystem zur aktuellen Bettenbelegung kann bereits genutzt werden. Zusätzlich wird derzeit ein gemeinsames Patienten-Daten-Management-System in TelePIN integriert.
Rund sechs Millionen Euro für das Projekt
Auch Niedersachsens Sozial- und Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi informierte sich bei einem Besuch der MHH-Kinderklinik über das Projekt. Er sieht in TelePIN insbesondere mit Blick auf die Veränderungen der Krankenhauslandschaft eine Möglichkeit, die standortübergreifende medizinische Versorgung zu verbessern.
Nach Angaben der MHH ist die für TelePIN eingesetzte Technik grundsätzlich auch auf andere intensivmedizinische Fachbereiche übertragbar. Genannt werden unter anderem Chirurgie, Kardiologie und Pulmologie.
Das Projekt soll nach den Plänen der Landesregierung mit rund sechs Millionen Euro aus Mitteln des Strukturfonds II gefördert werden. Die Finanzierung tragen demnach Bund und Land jeweils zur Hälfte.









